ich hab ein bild gemalt. ich hatte einen monat dafür. an einem tag hab ich mir überlegt, wie der nächste arbeitsschritt genau aussehen soll. an einem anderen tag habe ich alles bereit gelegt, was ich für diesen arbeitsschritt brauchen werde. an einem dritten tag habe ich den arbeitsschritt durchgeführt. dies hat sich mehrfach wiederholt. weil ich immer nur die energie für 5-15min habe. trotzdem habe ich das bild gemalt.
ich habe ein bild gemalt, das me/cfs zeigt. ambivalenz und gleichzeitigkeit. einschränkung und hoffnung. wollen aber nicht können. die ideen sind da, die lust ist da, die motivation ist da, der antrieb ist da, der wille ist da. was aber auch da ist, sind die einschränkungen der krankheit. das nicht können. das ruhen müssen. die verschlechterungen, wenn man zu viel macht.
ich habe ein bild gemalt das zeigt, wie sich me/cfs für mich anfühlt.
wisst ihr, wass ich richtig schön finde? dass die sonne scheint. dass die blumen spriessen. dass der frühling kommt.
wisst ihr, was richtig frustrierend ist? festzustellen, dass meine me/cfs bedingte lichtempfindlichkeit nochmals zugenommen hat und schon 10min draussen (bei sonnenschein mit sonnenbrille) zu mehr erschöpfung und kopfschmerzen führt.
wollt ihr wissen, wie ich damit umgehe? ich hab mir ein cap bestellt um mich gegen oben abzuschirmen. ich setz mich in den schatten mit der sonne im rücken. ich bleibe nur kurz draussen und lege mich nachher mit geschlossenen augen in mein abgedunkeltes zimmer. ich sollte wohl irgendwann eine neue sonnenbrille mit mehr abdunklung und seitenschutz besorgen. (der punkt ist schwierig, weil er meines wissens nicht online durchführbar ist und reale geschäfte besuchen immer viel planung braucht und 1-3 tage erholungszeit nach sich zieht.)
ob das alles hilf? ich werde es herausfinden (das cap ist noch nicht angekommen). ich hoffe es ganz fest. weitere tipps sind sehr willkommen.
p.s. da ich diesen text am handy geschrieben habe, habe ich zum energie sparen auf gross und kleinschreibung verzichtet.
so wenig energie zu haben, wie das bei moderatem me/cfs der fall ist, stellt einen immer wieder vor 2 fragen. was sind neben der selbstversorgung meine absoluten prioritäten, für die ich meine restenergie verwenden will? und, wie / wo kann ich noch energie sparen?
mein aussehen gehört schon länger nicht mehr zu meinen prioritäten. und so bin ich auch schon länger am überlegen, ob ich meine haare schneiden soll. um das ganz klar zu sagen, ich liebe meine haare. dennoch habe ich mich zum schneiden entschieden. aus energiegründen. damit das duschen weniger anstrengend ist. weil kurze haare mir vielleicht 0.1% oder sogar 1% mehr energie für schönes geben. weil für mich jedes einzelne prozent sehr wertvoll ist.
vielleicht ist es zwei seiten mehr lesen. vielleicht 5min länger puzzeln oder telefonieren. vielleicht einfach ein klitzekleines bisschen weniger grunderschöpfung. vielleicht kann ich dadurch wieder mal etwas kunst machen. vielleicht sogar mit den abgeschnittenen haaren.
es war eine emotional schwierige entscheidung. es war eine sehr rationale entscheidung. und ich denke, es war die richtige entscheidung. me/cfs führt nicht zu haarverlust. aber me/cfs kann dazu führen, dass man sich gegen lange haare entscheidet, weil man sie nicht mehr pflegen kann. bei anderen krankheiten ist das anders. deshalb habe ich mich dazu entschieden, den grossteil meiner haare zu spenden. für menschen, bei denen eine krankheit oder die behandlung zu haarverlust führt. Ich hoffe, sie werden irgendwem in perückenform freude bereiten.
p.s. da ich diesen text am handy geschrieben habe, habe ich zum energie sparen auf gross und kleinschreibung verzichtet.
Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Genauer gesagt möchte ich euch einen Teil meiner Geschichte erzählen. Es ist keine schöne Geschichte und sie hat auch kein Happy End. Aber sie ist ein Teil meiner Lebensgeschichte. Noch genauer gesagt ist es die Geschichte einer (sehr einflussreichen) Facette meiner letzten 3 Jahre.
Im 2020 hatte ich eine Depression. Diese ist für die Geschichte nicht wichtig, zumal sie inzwischen schon seit ein paar Jahren vorbei ist. Aber sie gibt einen guten Startpunkt. Als die Depression vorbei war, habe ich vermehrt gemerkt, dass irgendetwas an mir anders ist. Dieses Gefühl hatte ich schon früher, habe aber auch gelernt, es nicht zu beachten. Nach dem Lockdown ist es mir wieder viel stärker aufgefallen. Also habe ich mich auf die Suche begeben. Genauer gesagt in den Diagnostikprozess.
Während diesem Prozess, im April 2022, hatte ich eine Covid Infektion. Auch diese ist vorbei gegangen. Allerdings nicht spurlos. Vor allem habe ich gemerkt, dass ich viel weniger Kraft habe als vorher. Zudem war ich viel sensibler auf Sonnenlicht. Dies habe ich auch meiner Hausärztin gesagt, aber da ich ja noch arbeiten konnte und man sowieso nichts dagegen machen konnte, wurde es nicht weiter verfolgt… Ganz schleichend habe ich begonnen, in meiner Freizeit weniger zu machen.
Im Herbst 2023 bekam ich dann meine Autismus Diagnose. Infolgedessen habe ich mir einen Psychotherapeuten mit der entsprechenden Spezialisierung gesucht. Und ihn gefunden. Zu der Zeit war ich schon sehr belastet. Mit der Autismus-Brille hat alles nach autistischem Burnout ausgesehen (war es auch, aber halt nicht nur). Ich wurde also im Juni 2024 krankgeschrieben und habe Autismus bezogenes Energiemanagement gelernt. Es ging mir langsam besser und ich habe wieder begonnen, niedrigprozentig zu arbeiten.
Dennoch kam das Gefühl auf, dass noch mehr als «nur» das Burnout dahinterstecken muss. So ist das LongCovid wieder in den Fokus gerückt. Nach zwei Mails meines Therapeuten an meine Ärztin, dass sich eben nicht alles mit Autismus erklären lässt, hat sie mich im 2025 zur Post Covid Sprechstunde überwiesen. Die Diagnose wurde gestellt und ich habe begonnen, in der Ergotherapie Pacing (Energiemanagement bei Post-Covid) gelernt.
Ich sehe zwei Unterschiede zwischen Autismus bezogenem und Post-Covid bezogenem Energiemanagement. Der eine Unterschied ist Körperbezogen. Beim Post-Covid schaut man auch darauf, wie man körperliche Energie verbraucht und sparen kann. Z.B. indem man sich beim Kochen hinsetzt, mit einem Badewannenbrett (zum sitzend Duschen) oder einem Gehstock. Der andere ist folgender: Beim Autismus geht es darum, die «Crashes» nach anstrengenden Anlässen einzuplanen (wenn es der Anlass denn wert ist). Beim Post-Covid geht es darum, sie zu vermeiden. Weil jeder Crash potentiell zu einer (langfristigen) Zustandsverschlechterung führen kann. Dies nennt sich dann PEM (Post-Exertionelle Malaise). Das Wissen um PEMs habe ich erst seit der Post Covid Diagnose.
Und ja, rückblickend hatte ich in den letzten Jahren einige dieser PEMs. Dadurch erklärt sich auch, dass sich mein Gesundheitszustand schleichend immer mehr verschlechtert hat. Inzwischen bin ich wieder 100% krankgeschrieben und meine Zeit besteht aus Gesundheitsterminen (2 pro Woche), Selbstversorgung und Organisation, ein bisschen Puzzeln, ein bisschen Stricken, sehr reduzierten Sozialkontakten und sehr viel im Bett liegen.
Letzte Woche hatte ich die Verlaufskontrolle in der Post-Covid Sprechstunde. Leider hat sich das Post-Covid zu einem ME/CFS entwickelt. Dies ist sehr ernüchternd und auch frustrierend. Ich frage mich, ob es hätte verhindert werden können, wenn das Post-Covid früher diagnostiziert worden wäre. Und auch dieses Mal, ja, wahrscheinlich hätte es das. Bringt es etwas, sich das zu fragen? Nein. Ich habe in der Psychotherapie sehr viel Akzeptanz, Achtsamkeit und Dankbarkeit gelernt und das hilft mir sehr, mit der Situation umzugehen. Trotzdem fühle ich mich immer wieder hilflos. Und ich habe Angst vor der Unsichtbarkeit, welche mit so einer Krankheit (und vor allem der energiebedingt nur noch sehr begrenzt möglichen sozialen Teilhabe) einhergeht. Deshalb ist es mir wichtig, diese meine Geschichte mit euch zu teilen. Damit ich nicht einfach so verschwinde.
Ich kann mir vorstellen, dass dieser Text auch bei Menschen, die ihn lesen, Hilflosigkeit auslösen könnte. Deshalb: Es sind die kleinen Dinge, welche die Hilflosigkeit durchbrechen. Es ist der hübsche Nagellack. Es ist ein fertiges Puzzle. Es ist ein schönes Buch. Es ist das Laub im Wind oder der Schmetterling im Garten. Ich sammle diese kleinen Dinge und zelebriere sie. Sie helfen mir, meine Lebensfreude zu bewahren. Und wenn du willst, kannst auch du mir dabei helfen. Mit einer liebe Nachricht, einer Postkarte oder einem Brief. Natürlich gibt es auch andere Dinge, die mich unterstützen, wenn du daran interessiert bist, komm gern auf mich zu. Für mich ist das wertvollste aber wirklich, gezeigt zu bekommen, dass ich nicht vergessen werde. 🧡
Wer mir auf Instagram folgt, hat vielleicht bemerkt, dass ich in letzter Zeit öfters Fotos von meinen lackierten Nägeln gepostet habe. Diese Nägel haben für mich aktuell eine sehr tiefe Bedeutung. Aufgrund meines Gesundheitszustandes kann ich vieles nicht mehr machen. Umso wichtiger werden diejenigen Dinge, die ich noch machen kann. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mir zu überlegen, was die tieferen Bedürfnisse hinter den Dingen sind, die ich nicht mehr machen kann und wie ich diese meinem Zustand angepasst neu umsetzen kann.
In den Nägeln ist ganz viel davon drin. Es ist der Umgang mit Farben, das Malen und mich kreativ ausdrücken, welches ich früher viel in der Kunst gemacht habe. Es ist ein gewisser extravaganter Selbstausdruck, welchen ich früher im Nähen von Partykleidern ausgelebt habe.
Und die Nägel sind auch ein Sinnbild für meine Grundeinstellung im Umgang mit meiner Gesundheitssituation. Sie sind kleine, schöne, glitzernde, Freude schenkende Teile meines Körpers. Sie eignen sich wunderbar für optisches Stimming. Sie erinnern mich daran, immer nach den Glücksmomenten Ausschau zu halten. Sie erinnern mich daran, dass ich noch Dinge machen kann. Kürzen muss ich sie sowieso immer wieder, wenn ich sie dann noch lackiere, wird eine mühsame Tätigkeit zu einer freudigen Tätigkeit. Es ist auch ein Sinnbild dafür, mich um meinen Körper zu kümmern. Es ist etwas, das ich mache, um mir etwas Gutes zu tun. Um mir immer wieder kleine Freudenmomente zu schenken.
Im letzten Monat habe ich dieses Selbstportrait gemalt… Die Idee dafür hatte ich, weil ich am Abend beim Rauchen immer einen ähnlichen Schatten von mir und den Pflanzen an der Hauswand gesehen habe.
Heute ist mir aufgefallen, dass das Bild auch noch eine tiefere Bedeutung hat. Man könnte etwas poetisch sagen, dass mein aktuelles Leben nur ein Schatten meines früheren Lebens ist. Und das ist wahr. Ohne dass es negativ gemeint ist. Ich habe nur noch einen Bruchteil der Energie, die ich früher hatte. Dies ist auf verschiedenen Ebenen sehr einschränkend. Trotzdem habe ich das Gefühl, auch aktuell ein gutes Leben zu haben. Weil meine äusseren Umstände sowie meine Tätigkeiten meiner Energie angepasst sind und ich viel Hilfe habe. Ich kann vieles nicht mehr -oder nur noch mit hohen Kosten- machen. Aber ich kann noch Dinge machen.
Ein Schatten ist eine Reduzierung. Mein Leben ist sehr reduziert. Aber auch mit dieser Reduktion kann man Schattenbilder machen und Geschichten erzählen. Und auch dieser Schatten, der von meinem Leben geblieben ist, kann ein schöner Schatten sein. Mit Details, die man im Licht vielleicht gar nicht gesehen hätte.
Schatten verändern sich, je nachdem, wie das Licht auf etwas fällt. Genauso wie sich das Lebensgefühl verändern kann, je nachdem, ob man sich auf die positiven oder negativen Dinge fokussiert. Also sich nicht übermässig darüber ärgert, dass es dunkel ist, sondern sich an den Schatten erfreut, die in der Dunkelheit entstehen. Denn solange Schatten da sind, ist es nie ganz dunkel. Und oft reicht so etwas Kleines wie die Glut einer Zigarette, um Licht ins Dunkel zu bringen und die Schatten lebendig zu machen.
Inhaltshinweis: – Zugunfall – Möglicher Tod / Suizid eines Menschen – Krankheit und Tod (m)einer Katze
Mittwoch
Vorletzte Woche habe ich einen Menschen unter einem Zug liegen sehen. Ich weiss nicht, ob es ein Unfall, Suizid oder Fremdeinwirkung war. Der Mensch lag unter dem Zug, war schrecklich grau und ich meine, dass er sich noch leicht bewegt hat. Nein, ich habe nicht geglotzt, im Gegenteil, ich habe so schnell wie möglich weggesehen. Ich will solche Dinge nicht sehen, sie überfordern mich und die Bilder bleiben in meinem Kopf kleben. Wann immer ich von weitem sehe, dass irgendetwas passiert ist, mache ich einen grossen Bogen darum und schaue aktiv weg. Diesmal habe ich es leider nicht von weitem gesehen, sondern es war ganz plötzlich vor meinen Augen. Beim Weiterlaufen habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich beginne zu hyperventilieren und den Kontakt zu meinem Körper verliere. Da mir dies nicht passieren darf, wenn ich alleine unterwegs bin (weil ich dann nicht mehr handlungsfähig bin) habe ich meinen Vampir angerufen. Er hat mit mir gesprochen und war da, bis ich sicher im Zug nach Hause war. Was 1.5h gedauert hat, weil ich mich erstmal beruhigen musste, an dem Bahnhof, an dem ich war, kein Zug mehr fuhr, ich die Enge des Trams nicht aushielt und deshalb mit grossem Arbeitskoffer zum nächsten Bahnhof laufen musste. Es war ein sehr heftiger Zusammenbruch und die Alternative zum Telefonieren wäre gewesen, zu den Rettungskräften zu gehen und mich von ihnen behandeln zu lassen. Da dies aber mit Kontakt mit fremden Menschen, viel Unruhe und vielleicht auch noch „mehr vom Vorfall mitbekommen“ verbunden gewesen wäre, was mich noch mehr überfordert hätte, bin ich sehr dankbar, dass ich auf die telefonische Unterstützung zurückgreifen konnte. Mit dieser Hilfe und eines “SOS bei Panik” – Meditation Files bin ich sicher nach Hause gekommen.
Handeln
Ich wusste, dass ich ins Handeln kommen muss, irgendetwas machen, um nicht von meinen Gefühlen erdrückt zu werden. Und das Grau hat mich verfolgt. Also begann ich zu malen. Grau, natürlich. Und dann, das Grau bunt zu machen. Ich habe mir während des Prozesses auch überlegt, ob es wohl möglich wäre, das Bild später dem Menschen (wenn er noch lebt) oder seinen Angehörigen zukommen zu lassen, habe den Gedanken aber schnell verworfen, auch weil allein das herausfinden, wer es war, mit ziemlich viel Aufwand verbunden gewesen wäre. Ich will nicht behaupten, dass es mir nach dem Malen wieder gut ging, davon war ich weit entfernt, aber ich fühlte mich zumindest soweit stabilisiert, dass ich mich getraute, ins Bett zu gehen. Die Augen schliessen konnte ich allerdings nicht, da klebte immer noch das Bild…
Die restliche Woche
Am nächsten Tag war ich immer noch sehr mitgenommen, von Gefühlen überwältigt und ziemlich blockiert. Im Lauf des Tages ist mir klar geworden, dass ich mich nachhaltig um die Situation kümmern muss, wenn ich nicht will, dass es mich ewig verfolgt. Also habe ich geplant, wie ich allen unbedingt nötigen äusserlichen Anforderungen (Arbeit / Termine) gerecht werden kann und trotzdem genug Zeit und Kapazität habe, mich ausführlich um mich zu kümmern. Ich habe die Playparty am Wochenende abgesagt und stattdessen beim Vampir Lego gemacht. Zusätzlich habe ich auch noch etwas graues Papier und Aquarellfarben mitgenommen. Als ich mit den Legos fertig war, habe ich gemalt. Dinge sortieren / ordnen und nach Anleitung etwas hübsches zusammenbauen ist für mich immer eine sehr gute Beschäftigung, wenn mein Hirn Zeit braucht, um Gedanken, Erlebnisse und Gefühle zu ordnen, ich diese aber noch nicht greifen und ausdrücken kann. Und wenn sie einigermassen geordnet sind, sich aber immer noch nicht sprachlich ausdrücken lassen, geht das oft bildlich. Mich mit grau konfrontieren, grau bunt machen…
Später am Abend habe ich die Bilder immer wieder angeschaut, und irgendwann ist mir aufgefallen, dass man beim geschriebenen Grau mit etwas Phantasie das a auch als o und das u auch als w interpretieren könnte, was dann grow ergibt, also wachsen. In dieser Nacht konnte ich die Augen zum ersten Mal wieder schliessen, ohne gleich das angeklebte Bild zu sehen. Als ich nach dem Wochenende wieder daheim war, fühlte ich mich auch den grauen Hosen gewachsen, welche ich für die Arbeit nähen sollte. Und bei einem Spaziergang fand ich während dem Nachsinnen über das Erlebte einen Stein, der von mir mitgenommen werden wollte. Er ist jetzt das Herz eines Sterns, der das Grau erleuchtet.
Der Bahnhof
Ich hatte Angst, dass ich den Bahnhof nie mehr betreten kann, ohne starke Erinnerungsschübe zu bekommen, also war es für mich wichtig, ihn bald und sehr bewusst wieder zu besuchen. Dies habe ich Ende Woche in Begleitung meines Vampirs gemacht. Ich habe da eins geraucht, wo ich auch damals eins geraucht habe. Ich bin denselben Weg am Gleis entlang gelaufen und habe das erste Bild, das ich gemalt habe, am Bahnhof ausgesetzt. Ich habe mich vergewissert, dass niemand mehr auf den Gleisen liegt. Ich hoffe, den Bahnhof zukünftig wieder unbeschwert nutzen zu können.
Grau lebendig machen
Und ich mache immer noch Grau lebendig. Ich mache Bilder, in denen Grau die Basis ist und von anderen Farben lebendig gemacht wird. Wie lange ich das noch machen werde, wird sich zeigen. Auch wenn ich immer noch nicht richtig formulieren kann, was das Ereignis in mir ausgelöst hat, setze ich mich damit auseinander, auf meine Art. Die künstlerische Arbeit hat dem Grau die Gefahr genommen, langsam wird es wieder eine Farbe wie jede andere.
P.S.
Es gab den Moment, an dem ich gerne wissen wollte, was genau passiert ist. Also habe ich gegoogelt, die einzigen Infos sind: “Der Bahnverkehr war unterbrochen. Der Grund dafür ist ein Fremdereignis. Die Stadtpolizei Zürich bestätigt einen Einsatz. Die Hintergründe sind bis anhin unklar.” Zu Beginn war das sehr frustrierend, inzwischen kann ich es annehmen und mich wieder ganz auf mich und meine Verarbeitung konzentrieren.
P.P.S.
So ganz nebenbei habe ich während der Verarbeitung dieses Ereignisses auch noch etwas weiter zurückliegendes mitverarbeitet. Letztes Jahr ist meine Katze gestorben und in den Monaten davor brauchte sie viel Pflege, unter anderem musste ich ihr Medikamente in den Mund spritzen (ohne Nadeln). Das war immer die reinste Folter für mich (und für sie wohl auch). Aus Gründen habe ich die Spritzen behalten und bei den meisten der gemachten Bilder habe ich sie benutzt, um die Farben ins Grau zu bringen. Ich habe also mit etwas, das für mich mit Gewalt und Sorgen verbunden war, etwas Schönes geschaffen.
Geschenke… Nun ja, wer bekommt sie nicht gerne? Ich muss ehrlich sagen, dass ich lieber Geschenke mache, als sie zu bekommen. Weil es einfach schwierig ist, mir ohne Absprache etwas zu schenken, woran ich wirklich und nachhaltig Freude habe. Und ich dann ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich diese Freude nicht ehrlich verspüre. Um das zu verdeutlichen ein Beispiel aus meiner Kindheit: Ich habe mir zur Erstkommunion eine Kinderbibel gewünscht. Nicht irgendeine, sondern genau diese eine, welche wir in der Schule hatten. Die hat mir gefallen. Bekommen habe ich eine andere Kinderbibel. Und das war wirklich schlimm. Einerseits wollte ich dankbar sein, schliesslich war sie ja ungefähr, was ich wollte. Aber es war eben nicht genau das Richtige. Ich hatte mich auf genau diese eine Bibel gefreut. Und ich konnte mich nicht über diese andere Bibel freuen. Einerseits, weil es eben nicht die war, auf die ich mich gefreut habe, andererseits auch, weil ich das Gefühl hatte, dass mein Wunsch nicht ernst genommen wurde. Die Kategorie des Geschenks stimmte, die Details nicht. Eine andere Situation, die mir diesbezüglich einfällt, ist, dass ich einem Partner gegenüber von Küchenmaschinen vorgeschwärmt habe, dass die so toll sind etc. Ich habe dann auch eine Küchenmaschine bekommen. Eine richtig gute. Aber ich konnte mich nicht so ganz darüber freuen. Ich finde viele Dinge toll und sage im Affekt gerne mal “will ich haben”. Aber dieser Affektausspruch ist hald dann noch nicht Realitätsgeprüft. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, wäre mir sehr schnell klar geworden, dass ich Küchenmaschinen zwar toll finde, sie aber in der Praxis nicht benutzen würde, weil es zu umständlich ist, sie immer hervorzuholen und danach abzuwaschen. Für mich ist ein normaler Mixer einfach besser geeignet. Die Küchenmaschine ist dann bei dem Partner geblieben und ich hoffe, er hat immer noch viel Freude daran.
Versteht mich nicht falsch, ich freue mich, wenn sich jemand Gedanken macht und mir etwas schenken möchte. Ich würde mir einfach wünschen, dass dieses Geschenk vorher im Detail mit mir abgesprochen wird. Das wäre für alle Beteiligten einfacher und befriedigender. Es gibt immer Dinge, über die ich mich wirklich sehr freuen würde, die ich mir selber aber nicht kaufe. Ein sehr tolles Geschenk war z.B. eine neue WC-Brille. Die ich ausgesucht habe. An der habe ich seither jeden Tag Freude und denke an die Menschen, die sie mir geschenkt haben. Also, sollte irgendwer den Wunsch haben, mich zu beschenken, fragt mich mit Angabe des finanziellen Rahmens, was ich haben möchte. Dann werde ich mich sehr und auch sehr lange darüber freuen. Oder schenkt mir selbstgestrickte Socken (Grösse 38/39, Naturfasern, nicht Gelb). Oder Pralinen (kein Alkohol, keine Pistazien, kein Kaffe, kein Orangenzeugs). Oder hübsche Steine. Oder Muscheln. Oder vierblättrige Kleeblätter. Oder Schmetterlingsflügel (gefundene, nicht getötete).
Es gibt Dinge, die viele Menschen gar nicht so direkt wahrnehmen, weil das Gehirn von neurotypischen Personen diese automatisch als unwichtig wegfiltert. Da mein Gehirn dies nicht macht, bin ich den Dingen immer ausgeliefert. Es sind kleine Dinge, aber dafür sind sie ständig präsent und rauben mir immer viel zu viel Energie.
Viele, unterschiedliche Geräusche / Gespräche
Viele Bewegungen (Menschen, Autos, Werbung)
Licht (zu hell, wechselnd, sich bewegend)
Zu nahe Menschen (z.B. wenn im Bus jemand neben mir sitzt oder auf der Rolltreppe zu nah an mir steht. Der Covid-Abstand war super)
Veränderungen (auch kleine, z.B. einen anderer Weg als üblich nehmen)
Überraschungen (auch kleine, z.B. unerwartete laute Geräusche)
Unvorbereitete / unvorhergesehene soziale Interaktionen (z.B. nach dem Weg gefragt werden)
Temperaturschwankungen (z.B. gekühlte Geschäfte im Sommer & geheizte im Winter)
Diese Dinge führen zum Beispiel dazu, dass ich meine Ausflüge wenn möglich so plane, dass ich eher an einem kleineren Bahnhof umsteige als an einem grossen (und dafür auch eine längere Reisezeit in Kauf nehme). Der HB Zürich ist zum Beispiel etwas, das ich zu vermeiden versuche. Oder zu Stosszeiten unterwegs zu sein. Wenn ich z.B. nach Zürich in einen Stoffladen gehen möchte, ist es nicht die Aktivität an sich die schwierig ist, es sind die äusseren Umstände, das dahin kommen. Und auch wenn ich genügend Energie für den Stoffladen hätte, muss ich vielleicht darauf verzichten, weil ich nicht die Energie für die Fahrt und die damit verbundenen Unvorhersehbarkeiten habe. Oder ich muss den Ausflug von vornherein planen, mit einem leeren Tag davor und danach.
Essen ist für mich in vielen Facetten ein schwieriges Thema. Hier möchte ich vor allem auf den sozialen Aspekt eingehen. Ich esse nicht gerne unter Menschen, das stresst mich und wenn ich gestresst bin, kann ich nicht essen. Grundsätzlich machen es mir zu viele Reize im Moment oder eine schon vorhandene Überreizung sehr schwer zu essen. Deshalb vermeide ich Restaurants. Wenn dies doch mal vorkommt, ist es wichtig, dass ich vorher online die Speisekarte anschauen kann, um herauszufinden, ob es da überhaupt etwas Essbares für mich gibt (selektives Essverhalten lässt grüssen). Was meistens geht, ist ein Salat. Da kann ich dann drin rumstochern und ihn langsam vernichten, während die anderen Vorspeise und Hauptgang zu sich nehmen. Auch wenn ich mir vorher Bilder der Lokalität anschauen kann, ist das von Vorteil, weil ich mich dann besser vorbereiten kann und nicht so viele neue Reize verarbeiten muss. Draussen sitzen zu können ist ein weiteres grosses Plus.
Beim Essen im privaten Rahmen ist es wichtig, dass mir im vornherein gesagt wird, was es gibt und mir wirklich alle Zutaten (ja, auch die Gewürze) mitgeteilt werden und ich nichts essen muss, was ich nicht essen will. Wenn ich nicht weiss, was in einem Essen drin ist, bekomme ich grossen Stress. Oft wollen Menschen dann ja ein schönes Menü bieten, und ich finde dann so, “hmm… ich nehme einfach nur die Beilage.” Dies finden viele Gastgeber dann etwas frustrierend, aber ich bin einfach die Falsche, um ausgefeilte Kochkünste zu würdigen. Am liebsten habe ich in solchen Settings einfach einen Teller Spaghetti mit Parmesan.
Und am allerliebsten esse ich schlicht allein und von mir selbst gekochtes Essen.